Die Kunst, neu definiert durch Elektrizität
Es ist wahrscheinlich, dass die westliche Kunst nicht, wie in so vielen anderen Ländern, die Folge der Entwicklung religiöser oder ritueller Formen ist, sondern während der Überleitung von einer mündlichen zu einer literarischen Kultur der Zersplitterung des menschlichen Sinnesapparates entsprang, der für die mündliche Kommunikation relevant ist. Die Trennung, Isolierung und Spezialisierung der Sinne folgte der Erfindung des griechischen Alphabets. In Der Gefesselte Prometheus nennt Aischylos das Alphabet die "Mutter aller Musen" und impliziert dabei, dass die plötzliche Blüte der Künste einer "Anordnung von Buchstaben" folgt (syntheseis ton symballon). In der Tat beherrscht jede Muse einen eigenen Bereich eines jeden Sinnes, und mehr. McLuhan zeigt auf, dass Elektrizität diesen Prozess umkehrt und umgehend in Multimedia, virtuelle Realitäten und interaktive Systeme umsetzt. Verglichen mit der Streuung von Information in Büchern, Abhandlungen und Bibliotheken über einen immens ausgedehnten (realen) Raum, ist das World Wide Web der Effekt einer riesigen elektronischen Implosion. Heutzutage ist die Kunst dazu aufgerufen, uns zu helfen, dieser Transformation Sinn zu geben. Wir befinden uns mitten in einer "Neo-barocken" Ära, in der wieder alle Sinne technisch dupliziert und in Frage gestellt werden. Natürlich werden wir keinen neuen Klassizismus erreichen solange Kunst ein dauerhaftes Bild der Menschheit herausbildet. Das ist aber besonders schwierig in Zeiten der Globalisierung, der flüchtig-fließenden Kommunikation, der unbeständigen Medien, einer "post-humanen" Gesellschaft und anderen unsicheren Aspekten unserer Transhumanität. Welches ist das neue Bild der Menschheit?
|